Direkt zum Inhalt | Direkt zur Navigation

Sections
Sie sind hier: Startseite Nachrichten Coronavirus: Warum die Sterblichkeit so verschieden ist
Datum: 25.03.2020

Coronavirus: Warum die Sterblichkeit so verschieden ist Studie des Exzellenzclusters ECONtribute führt hohe Letalität auf Kontakte zwischen den Generationen zurück

Die Großeltern wohnen mit im Haus und für die Kinderbetreuung ist gesorgt: Was lange als ideales Modell für viele Familien galt, ist in der Coronakrise gefährlich: Die beiden Ökonomen Prof. Dr. Moritz Kuhn und Prof. Dr. Christian Bayer von der Universität Bonn haben über verschiedene Länder hinweg die Rolle von Sozialstrukturen mit Letalitätsquoten bei COVID-19-Infektionen verglichen. Ergebnis: Je mehr Erwerbstätige mit ihren Eltern zusammenleben, desto höher ist der Anteil der Corona-Toten am Anfang der Epidemie.

Beim Blick nach Italien erschrecken vor allem die hohen Sterbezahlen der COVID-19-Infektion. Der Anteil der Verstorbenen ist in Italien deutlich höher als hierzulande. In Deutschland liegt der Anteil der Patienten mit tödlichem Krankheitsverlauf noch immer bei unter 0,3 Prozent, in Italien hingegen bei rund sechs Prozent (Stand 15. März). Das bedeutet, dass in Italien pro 1.000 Erkrankten im Schnitt 60 Menschen sterben, in Deutschland hingegen drei. Die beiden Ökonomen untersuchten als mögliche Ursache für die unterschiedlich hohe Sterberate Unterschiede in der Form des Zusammenlebens und der sozialen Interaktion in den verschiedenen Ländern.

Unterschiedliche Formen des Zusammenlebens

Im hypothetischen Land A finden wenige Kontakte zwischen den Generationen im täglichen Leben statt. Die arbeitende Bevölkerung und ältere Menschen leben relativ getrennt voneinander. In Land B hingegen gibt es viel alltäglichen Austausch und Interaktion zwischen den Generationen. So wohnen beispielsweise Großeltern mit im Haus und passen auf Enkelkinder auf oder jüngere Arbeitnehmer, die sich keine eigene Wohnung leisten können, sind noch nicht aus ihrem Elternhaus ausgezogen.

Um das soziale Zusammenleben messbar zu machen, untersuchten die Wissenschaftler den Anteil der 30 bis 49-Jährigen, die mit ihren Eltern zusammenwohnen. Im europäischen und auch im weltweiten Vergleich ergeben sich hier wie bei der Sterberate große Unterschiede. Die Forscher der Universität Bonn gehen davon aus, dass der Virus hauptsächlich durch die Erwerbsbevölkerung aus China nach Europa gekommen ist und sich dann hier unter den Berufstätigen verbreitet hat.

„Wenn sich die arbeitende Bevölkerung in hohem Maß infiziert, dann ist das für Bevölkerungsstrukturen wie in Deutschland oder Skandinavien, wo wir weniger generationsübergreifende Formen des Zusammenlebens kennen, weniger dramatisch“, erläutert Moritz Kuhn, Professor für Volkswirtschaftslehre an der Universität Bonn sowie im Exzellenzcluster ECONtribute: Markets & Public Policy. „In Ländern wie Italien, in denen Ältere oft mit der gesamten Familie unter einem Dach wohnen, steigt dann der Anteil der Krankheitsverläufe mit tödlichem Ausgang deutlich.“ Sobald der Virus auch unter Älteren gestreut hat, komme es zu einer Kettenreaktion, die das Gesundheitssystem überlastet.

Osteuropäische Länder könnten besonders betroffen sein

Nicht nur in Italien gibt es viele Formen des generationsübergreifenden Zusammenlebens, sondern auch in osteuropäischen Ländern. Auf sie könnte eine ähnliche Situation wie in Italien zukommen, wenn sie die empfohlenen Maßnahmen, wie die Einhaltung einer „sozialen Distanz“, zum Schutz der älteren Bevölkerung zu spät umsetzen, warnen die Wissenschaftler. Umso wichtiger sei es, dass die Maßnahmen frühzeitig eingeleitet werden.

Gegensätzlicher Trend in asiatischen Ländern

Für den asiatischen Raum gelte grundsätzlich der gleiche Zusammenhang, jedoch seien die generationsübergreifenden Kontakte sehr viel ausgeprägter, legen die Forscher dar. Dass die Letalitätsquoten dennoch geringer ausfallen, liege an einer insgesamt jüngeren Bevölkerung, könne aber auch an anderen Formen der sozialen Interaktion – wie unterschiedlichen Begrüßungsritualen – liegen. Möglich sei auch, dass sich asiatische Länder besser auf mögliche Pandemien vorbereitet haben und von Erfahrungswerten aus der SARS-Krise 2003 profitieren. So gibt es in vielen asiatischen Ländern Fieberkliniken, die nur erkältungs- und grippespezifische Symptome behandeln und das Gesundheitssystem damit entlasten.

ECONtribute: Einziger wirtschaftswissenschaftlicher Exzellenzcluster

Die Studie ist im Rahmen von ECONtribute entstanden. Es handelt sich dabei um den einzigen wirtschaftswissenschaftlichen von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) geförderten Exzellenzcluster – getragen von den Universitäten in Bonn und Köln. Der Cluster forscht zu Märkten im Spannungsfeld zwischen Wirtschaft, Politik und Gesellschaft. Ziel von ECONtribute ist es, Märkte besser zu verstehen und eine grundlegend neue Herangehensweise für die Analyse von Marktversagen zu finden, die den sozialen, technologischen und wirtschaftlichen Herausforderungen der heutigen Zeit, wie zunehmender Ungleichheit und politischer Polarisierung oder globalen Finanzkrisen, gerecht wird.

Studie:  https://selten.institute/wp-content/uploads/2020/03/ECONtribute_corona_bayer_kuhn_study_2020.pdf

Pressekontakt:

Katrin Tholen
ECONtribute
Tel. +49 228 737808
E-Mail: [Email protection active, please enable JavaScript.]

Kontakt zum Studienautor:

Prof. Dr. Moritz Kuhn
Institut für Makroökonomik und Ökonometrie
Universität Bonn
Tel. 0228/7362096
E-Mail: [Email protection active, please enable JavaScript.]

 

Prof. Dr. Moritz Kuhn:

Moritz Kuhn ist Professor für Volkswirtschaftslehre an der Universität Bonn, Research Fellow am Institut zur Zukunft der Arbeit (IZA) und dem CESifo sowie Research Affiliate am Centre for Economic Policy Research (CEPR). Zudem ist er Professor bei ECONtribute: Markets & Public Policy, dem einzigen wirtschaftswissenschaftlichen DFG-Exzellenzcluster Deutschlands. Seine Forschung beschäftigt sich mit Fragen zu den Ursachen und Folgen der Einkommens- und Vermögensungleichheit und zu Fragen der Arbeitsmarktforschung und Arbeitsmarktpolitik.

 

Lebenszeichen – Wir bleiben im Gespräch!

Das Dezernat für Hochschulkommunikation veröffentlicht unter dem Titel: „Lebenszeichen – Wir bleiben im Gespräch!“ Beiträge aus der Universität Bonn, die unter dem Eindruck der Bekämpfung des Coronavirus und der daraus resultierenden Bedingungen entstanden sind. Als Bildungseinrichtung will die Universität Bonn damit auch in schwierigen Zeiten im Diskurs bleiben und die universitäre Gemeinschaft fördern. In loser Folge erscheinen dazu auf der Website der Universität Bonn Beiträge von Universitätsangehörigen, die das Thema aus verschiedenen Blickwinkeln beleuchten, Dialoge in Gang setzen, Tipps und Denkanstöße austauschen wollen. Wer dazu beitragen möchte, wendet sich bitte an das Dezernat für Hochschulkommunikation, [Email protection active, please enable JavaScript.].

Artikelaktionen