Zwei Menschen sind 80 Jahre alt. Beide haben dieselbe Krebserkrankung. Der eine fährt noch Fahrrad, lebt selbstständig und ist geistig fit. Der andere ist nach mehreren Stürzen auf Unterstützung angewiesen und hat deutlich an Kraft verloren. Wer von beiden verträgt dieselbe Therapie besser? Das Geburtsdatum gibt darauf keine ausreichende Antwort.
„Zwei Menschen können gleich alt sein und dennoch völlig unterschiedliche Voraussetzungen für eine Therapie mitbringen“, erklärt Prof. Andreas Jacobs. „Deshalb darf das kalendarische Alter nicht die alleinige Grundlage für eine Therapieentscheidung sein. Entscheidend ist auch, wie belastbar und selbstständig ein Mensch tatsächlich ist.“
Frailty: Mehr als eine Zahl im Personalausweis
Genau hier setzt die Onkogeriatrie an. Sie verbindet moderne Krebsmedizin mit einer umfassenden Betrachtung der gesundheitlichen und funktionellen Situation älterer Menschen. Eine zentrale Rolle spielt dabei die sogenannte Frailty – eine erhöhte Vulnerabilität, die sich beispielsweise in eingeschränkter Mobilität, nachlassender Muskelkraft, kognitiven Veränderungen oder zunehmender Abhängigkeit im Alltag zeigen kann.
„Wir müssen uns bei älteren Patientinnen und Patienten nicht nur fragen, welche Therapie medizinisch möglich ist. Wir müssen auch fragen, welchen Nutzen sie für den einzelnen Menschen hat und welche Belastungen damit verbunden sind“, sagt Prof. Jacobs.
Internationale Forschungserfahrung – zurück nach Bonn
Für seine neue Tätigkeit bringt Prof. Jacobs langjährige Erfahrung aus klinischer Medizin und translationaler Forschung mit. Nach dem Beginn seiner medizinischen Ausbildung in Bonn führten ihn seine wissenschaftlichen Stationen unter anderem nach Köln, an die Harvard Medical School in Boston und das Memorial Sloan Kettering Cancer Center in New York sowie an die Universitäten Köln und Münster.
Seine wissenschaftliche Laufbahn war zunächst stark durch die molekulare Bildgebung geprägt. Vor mehr als 25 Jahren war er an der Entwicklung dieses Forschungsfeldes beteiligt und arbeitete später unter anderem an bildgesteuerten Therapien bei neurodegenerativen und neuroonkologischen Erkrankungen.
Heute richtet sich sein Blick zunehmend auf die biologischen Grundlagen des Alterns und deren Verbindung zu altersassoziierten Erkrankungen und Krebs. Bereits seit 2012 leitet Prof. Jacobs die Altersmedizin/Geriatrie an den Johanniter-Kliniken Bonn (JKB) und hat dort neuro- und onkogeriatrische Themen weiterentwickelt.
„Alterungsprozesse und Krebs sind auf molekularer Ebene eng miteinander verbunden. Wir wollen besser verstehen, was beim Altern im Körper geschieht und wie dieses Wissen für die Medizin nutzbar werden kann“, erläutert Prof. Jacobs.
Ganzheitlicher Ansatz
Alter betrifft mehr als einzelne Organe. Ob ein Mensch mobil, geistig fit und selbstständig bleibt, prägt auch, wie gut er Erkrankungen und Therapien verkraftet. Deshalb verbindet Prof. Jacobs Altersmedizin und Neurogeriatrie und nimmt den Menschen in seiner gesamten Lebenssituation in den Blick.
In Bonn möchte er Forschung und Versorgung noch enger miteinander verknüpfen. Dabei setzt er auf die in der Altersmedizin so wichtigen, engen Zusammenarbeit verschiedener Berufsgruppen – von Medizin und aktivierend-therapeutischen Pflege über Physio- und Ergotherapie sowie Logopädie bis zu Neuropsychologie und Sozialdienst.
„Moderne Altersmedizin ist Teamarbeit“, betont Prof. Jacobs. „Genau diese Verbindung unterschiedlicher Perspektiven macht die Geriatrie so spannend.“
Eine zentrale Zukunftsfrage der Medizin
Mit der Stärkung der Onkogeriatrie setzt das UKB auf ein Thema, das angesichts des demografischen Wandels zunehmend an Bedeutung gewinnt: eine Krebsmedizin, die nicht nur den Tumor betrachtet, sondern den Menschen in seiner individuellen Lebenssituation. Prof. Jacobs bringt es auf den Punkt: „Die entscheidende Frage ist nicht: Wie alt ist dieser Mensch? Sondern: Was können wir für diesen Menschen sinnvoll erreichen?“